Michael Niedermeier – Sekunden vor dem Start, hochkonzentriert am Rande der Wettkampffläche. Voll fokussiert auf die bevorstehenden fünf Minuten, in denen er bereit ist, alles zu geben. Minuten, in denen es darauf ankommt, physisch und mental Vollgas zu geben. Pure Power, gepaart mit einer unbändigen Willensstärke, Athletik auf allerhöchstem Niveau. Dieses Bild werden die Hallenradsportfans in Zukunft so nicht mehr zu sehen bekommen. Der erfolgreichste Sportler aller Zeiten aus den Reihen des RKB Solidarität Deutschland verabschiedet sich als zweifacher Weltmeister und amtierender Vizeweltmeister vom aktiven Wettkampfsport.

Der 1er Kunstradfahrer vom RKB Solidarität Bruckmühl hat vor wenigen Tagen offiziell das Ende seiner Wettkampfkarriere verkündet. Das hochemotionale Finale bei der WM Anfang Dezember in Stuttgart setzt einen bravourösen Schlusspunkt unter eine lange und sagenhaft erfolgreiche sportliche Karriere. Ein wohlgereifter Entschluss, den der Oberbayer jetzt mitteilte, nachdem die Weichen für das Danach sorgsam gestellt sind.

Er hat die Soli in die Finale gebracht

Der RKB Solidarität Deutschland hat dem Sportler Michael Niedermeier viel zu verdanken. Mit ihm begann vor Jahren der Einzug von Soli-Sportlern in die Finalrunden und auf die Podestplätze der wichtigen nationalen und internationalen Wettbewerbe. Er hat über Jahre die Farben der Soli hochgehalten und damit auch mit dafür gesorgt, dass der hochklassige deutsche Hallenradsport über Verbandsgrenzen hinweg als sportliche Einheit erfolgreich war und ist. Michael Niedermeier hat im Laufe seiner fast 20jährigen Wettkampfkarriere alles gewonnen, was der Kunstradsport an Titeln zu vergeben hat, war unter anderem Deutscher Meister, Europameister und Weltmeister.

Soli-Mitglied von Geburt an

Die Zugehörigkeit zur Solidarität und die Liebe zum Kunstrad war dem „Michi“ buchstäblich in die Wiege gelegt worden. Grad mal vier Tage war der Bub alt, da hatte der Opa ihn als Mitglied bei der Soli Bruckmühl registrieren lassen, wo bereits Mama Doris und Papa Robert als Kunstradfahrer sehr erfolgreich unterwegs waren. Immerhin durfte er ordentlich laufen lernen, bevor er aufs Kunstrad gesetzt wurde. Wie es in der Trainingshalle zugeht, das konnte er sich allerdings schon vom Kinderwagen aus anschauen. Im Januar 1997 begann für den gerade sechs Jahre alt gewordenen sportlichen Nachwuchs das strukturierte und regelmäßige Training unter den Fittichen von Papa Robert, der die gesamte sportliche Karriere des Sohnes als Trainer begleitet hat. Trainiert wurde in der Kunstradhalle, beim Turnverein und im heimischen Keller. Es galt, Ehrgeiz, Energie und Dickschädel in die richtige Richtung zu lenken, erinnert sich Mama Doris Niedermeier und auch daran, dass einer ihrer Gedanken damals war: „Naaa, Michi, a Talent bist du net.“ Zumindest keines, das auf den ersten Blick für die ästhetische Seite des Kunstradsports wie gemacht schien. Was andere an Feinmotorik und Radgefühl mitbrachten, musste sich Michael Niedermeier über Jahre erarbeiten. Dafür lernte er früh, hart zu arbeiten, zu kämpfen, Ziele mit eisernem Willen zu verfolgen und den eigenen Weg zu gehen.

Als Neunjähriger zur DM

Mit gerade mal neun Jahren qualifizierte sich der C-Schüler erstmals zur Deutschen Schülermeisterschaft und kletterte Jahr für Jahr in den Platzierungen immer weiter nach vorne. Als erster Solisportler überhaupt schaffte er es regelmäßig in die Finalrunden von Junior Masters und German Masters. Schon im ersten Juniorenjahr wurde er in die Nationalmannschaft berufen. Mehrfach qualifizierte er sich für den Start zur Europameisterschaft und zur Weltmeisterschaft, konnte beide Titel gewinnen.

Sportkameraden und Freunde fürs Leben – Das bayerische Dreamteam

An seiner Seite seit Schülertagen Andreas Pfliegl, der gleichaltrige Erfolgssportler aus Bruckmühl, mit dem Michael über viele Jahre gemeinsam trainiert hat. Die beiden, so unterschiedlich sie als Charaktere immer waren, wuchsen als beste Freunde und sportliches Dreamteam zusammen. Keiner von beiden – davon ist Doris Niedermeier überzeugt – wäre ohne den anderen so weit gekommen, wie sie es beide zusammen geschafft haben. „Einfach ein Traum“, sei das gewesen. Die Soli, die Pfliegls und die Niedermeiers  – „Erfolg ist einfach auch Teamarbeit.“ Vor Michi und Andi hatte es kaum jemand in die Finale der Masters-Veranstaltungen gebracht. Gemeinsam schafften es die beiden in die Nationalmannschaft und die internationalen Wettbewerbe. 2006, im zweiten Junioren-Jahr, nahm Michi dem besten Freund Andi im allerletzten Moment um Haaresbreite die schon fast sichere EM-Quali ab – und nahm den Konkurrenten als treuesten Fan mit auf die Reise. 2007 wurde Michael Niedermeier vor Andi Pfliegl Europameister, 2008 war es umgekehrt. Höchstes Lob gab es damals von Junioren-Nationaltrainer Markus Klein: „Botschafter des Sports“ nannte er die beiden herausragenden Soli-Sportler.

Mittlerweile hatte sich das Bruckmühler Soli-Duo zum bayernweiten Quartett erweitert, das in diesen Jahren sportliche Soli-Geschichte geschrieben hat: Neben Michael Niedermeier und Andi Pfliegl gehören der Fürther Martin Fürsattel und der Rother Daniel Zint zu den sportlichen Aushängeschildern des Verbands. Die Verbindung der Vier geht weit über den Sport hinaus. Sportliche Konkurrenz unter Freunden, das ist genau nach Michael Niedermeiers Geschmack. Das hat er als Sportler stets genossen und das hat ihn immer beflügelt: Als nervenstarken Kämpfer, als einen, der den Druck gesucht hat, als einen, der starke Gegner brauchte, um sein Potential voll ausschöpfen zu können, als einen, der im Wettkampf über sich hinauswachsen und „an die Grenze gehen“ konnte, wenn es eng wurde, der akribische Detailarbeit pflegte und doch das kalkulierte Risiko zulassen konnte, aber auch als einen, der die Erfolge von anderen neidlos anerkennen konnte. Und hinterher gerne und ausgiebig zusammen feierte.

Nahezu unschlagbar auf dem sportlichen Zenit

2014 war das Jahr der Jahre in Michaels Niedermeiers Karriere. Auf dem absoluten Höhepunkt seiner sportlichen Leistungsfähigkeit zeigte er sich im Wortsinne unbezwingbar. Bei insgesamt zwanzig Wettkampfstarts erreichte er in diesem Jahr 18 (!!!) mal den ersten Platz. Er wurde Deutscher Meister der Elite und Weltmeister in Tschechien. Im Jahr zuvor war er bereits Vizeweltmeister gewesen. 2015 verteidigte er in Malaysia erfolgreich seinen WM-Titel. Im Schlepptau stets eine weiß-blaue Fan-Gemeinde auf den vordersten Rängen.

2016 wollte er es noch einmal wissen und entschied sich für ein weiteres Sportjahr, statt das Jura-Studium zu Ende zu bringen. Bei der Heim-WM in der Stuttgarter Porsche-Arena wollte er unbedingt noch einmal dabei sein und sich mit dem aufstrebenden jungen Elite-Fahrer Lukas Kohl messen. Wie dieses ungewöhnliche Finale ausgegangen ist, haben alle Kunstradfans noch vor Augen: Im hochemotionalen Endlauf verpasste der zweifache Weltmeister als letzter Starter in allerletzter Sekunde mit einem winzigen, aber folgenreichen Fehler den dritten Weltmeistertitel und eroberte nach einer kurzen Schrecksekunde die Herzen Tausender in der ausverkauften Halle, indem er offensichtlich ohne jede Spur von Enttäuschung seinen Vizemeistertitel und vor allem den neuen Weltmeister feierte. Ein Moment, in dem die Soli auf ihren herausragenden Sportler mindestens so stolz sein konnte, wie nach seinen zahlreichen Titelgewinnen.

Von der Wettkampffläche in die Coaching-Zone

Jetzt, 2017, nachdem der Applaus der Weltmeisterschaft verklungen ist, überlässt Michael Niedermeier ebenso souverän die Wettkampffläche anderen und widmet sich dem Abschluss seines Studiums. Dem Kunstradsport und der Soli indes bleibt er treu. Die Weichen für den Übergang sind gestellt. Die Soli darf sich glücklich schätzen, dass Michael Niedermeier gerne bereit ist, eine neue sportliche Herausforderung zu suchen und seine Erfahrung und Kompetenz im Sinne des geliebten Sports weiterzugeben. Seinen Wirkungskreis wird er im Heimatverein Soli Bruckmühl und auf bayerischer Ebene haben. Bei der Soli Bruckmühl trägt er seit Anfang des Jahres als Teil des vierköpfigen Sportleiter-Teams Verantwortung. Als Heimtrainer steht er den ambitionierten Bruckmühler Nachwuchssportlerinnen Ramona Dandl und Jana Pfann zur Seite. Auf Landesebene hat er bereits die sportliche Leitung der D-Kader-Arbeit übernommen. Auch auf Bundesebene hofft man dass Michi einmal in die Fußstapfen seines Vaters Robert tritt und auch hier Mitglied eines dann vergrößerten Trainerstabes wird.

Danke Michi für so viel tollen Sport und großartige Leistungen und dafür, dass du bleibst!

 

Steffi Graff im Namen der Bundesradsportleitung

 

Fotos: Hubert Dandl

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