Ein Sportwochenende der besonderen Art liegt hinter dem TSV Bernlohe. Als Ausrichter der deutschen Meisterschaft im 6er Rasenradball hatte der Verein eine Disziplin in den Rother Ortsteil geholt, die in weitem Umkreis vorher noch nie zu sehen gewesen war. Zwei Tage lang kämpften sechs Mannschaften aus ganz Deutschland um Tore, Tabellenpunkte und schließlich Titel. Den schnappte am Ende der mehrfache Meister der letzten Jahre, die SG Hamburg, dem Überraschungs-Finalisten RMSV Düsseldorf vor der Nase weg – nach einem torlosen Entscheidungsspiel durch Siebenmeterschießen.

Spannender und interessanter hätte das zweitägige Turnier nicht verlaufen können. Die zum Teil weitgereisten Mannschaften freuten sich über ausgezeichnete sportliche Rahmenbedingungen und die Offenheit des mittelfränkischen Sportpublikums. Viele Neugierige aus dem Dorf und der Kreisstadt hatten dem Sportgelände an der Waldgaststätte am Samstag und Sonntag einen Besuch abgestattet. Kaum jemand hatte sich vorher etwas unter 6er Rasenradball vorstellen können. Schnell sprang allerdings der Funke über zwischen mitgereisten Fans, Sportlern und denen, die ein solches Spektakel erstmals zu Gesicht bekamen. Selbst hartgesottene (und zu Beginn recht skeptische) Altherren-Fußballer trauten ihren Augen kaum bei dem, was da auf ihrem bestens präparierten Fußballfeld los war. Die Begeisterung für die Traditions-Sportart am äußersten Rand dessen, was man gemeinhin schon Randsport nennt, wuchs in Bernlohe von Spiel zu Spiel. Einmal mehr konnte die Kreisstadt eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass man hier, wie Bürgermeister Ralph Edelhäußer sagte „ein großes Herz für Randsportarten hat“. Sein Stellvertreter, Hans Raithel, ging noch weiter und probierte selbst aus, wie sich ein Radball-Rad fährt. Auch Landrat Herbert Eckstein schaute vorbei und freute sich über ein Sportereignis jenseits des Massensports, in dem Sport und Sportlichkeit ganz pur und bodenständig gelebt werden.

15 Spiele an zwei Spieltagen standen nach dem Modus „Jeder gegen Jeden“ auf dem Spielplan. Mannschaften aus Niederseifersdorf (der östlichsten Ecke Sachsens), Düsseldorf, Hamburg und dem niedersächsischen Bramsche traten neben zwei Mannschaften aus Oberfranken (Bischberg und Gaustadt) an. Schon der erste Spieltag brachten die ein oder andere Überraschung mit sich: Nach neun Spielen fand sich der RMSV Düsseldorf völlig unerwartet mit einem Punkt Vorsprung vor dem favorisierten Titelverteidiger SG Hamburg an der Spitze der Tabelle wider. Die Oberfranken von der Soli Gaustadt beendeten den ersten Spieltag mit Platz drei.

Am Sonntag begann der zweite Spieltag so früh, dass die ersten Mannschaften trotz hochsommerlichen Wetters bei noch feuchtem Rasen auf das Spielfeld mussten. Eine echte Herausforderung für die Radballer, die mit ihren Rädern bei ihren rasanten Anfahrten, Richtungswechseln, Ballstop- und Schussmanövern bei Feuchtigkeit kaum Halt auf dem Untergrund fanden. Den nötigen Grip für die Füße auf den Pedalen verschaffen sich die Sportler mit dicken Wollstrümpfen, die über (!) den knöchelhohen Turnschuhen getragen wurden.  Diverse seitliche Rutschpartien auf beiden Seiten verhinderte dieser Kniff freilich nicht. Die Sonne sorgte schnell dafür, dass die Bodenbedingungen wieder so perfekt wie am Vortag wurden.

Sechs Partien gab es am Sonntag noch auszuspielen, jede Mannschaft durfte noch zweimal auf das Spielfeld. Weder Düsseldorf noch Hamburg konnten die jeweils erste Partie am Sonntag für sich entscheiden. Bis zum allerletzten Spiel war das Turnier offen. Zuletzt standen sich das sächsische Niederseifersdorf und Düsseldorf gegenüber. Wer als Sieger aus diesem Spiel ging, dem gehörte der Titel 2016. Die Aussicht darauf schien beide Teams komplett zu blockieren. Nichts ging. Keine der beiden Mannschaften brachte den Ball ins Tor. Damit herrschte dreifacher Punktegleichstand an der Tabellenspitze und ein Entscheidungsspiel musste her. Vorher nahm der Chief-Kommissär wegen der besonderen Konstellation allerdings noch das Reglement zur Hand. Das sah vor, dass in diesem Falle die Ergebnisse des direkten Vergleichs der punktgleichen Mannschaften heranzuziehen seien. Damit waren die Sachsen beim Spiel um den Titel außen vor und Hamburg bekam noch eine Chance gegen die Düsseldorfer, die schon vor dem Entscheidungsspiel das beste Ergebnis ihrer DM-Geschichte verbuchen konnten. Mittlerweile lagen die Nerven bei Sportlern und Publikum blank.  Ein verkürztes Entscheidungsspiel von zwei mal fünf Minuten sollte die Entscheidung bringen, tat es aber nicht. Wieder keine Tore, wieder ein Remis. Der Meistertitel musste durch Siebenmeterschießen vergeben werden. Beide Mannschaften leisteten sich im Wechsel einen Aussetzer. Der dritte und letzte Schuss saß bei den vorlegenden Hamburgern. Die Düsseldorfer schrammten mit dem nachfolgenden Fehlschuss um Haaresbreite am Gesamtsieg vorbei. So durften sich die Hamburger bei der Siegerehrung zum dritten Mal in Folge das schwarz-rot-goldene Siegertrikot überstreifen und den Theo-van-Zütphen-Gedächtnis-Wanderpokal wieder mit in die Hansestadt nehmen. Düsseldorf jubelte über Silber. Den dritten Platz belegte der RSV Bramsche, Platz vier: RSV Niederseifersdorf, Platz fünf: RKB Soli Bamberg-Gaustadt, Platz sechs: RKV Soli Bischberg.

Der TSV Bernlohe durfte sich über jede Menge positives Feedback von Sportlern, Fans und Funktionären freuen. Alle haben sich sehr wohl gefühlt auf dem idyllischen Sportgelände rund um die Waldgaststätte und sich nach einem ereignisreichen Sportwochenende hochzufrieden auf den Heimweg gemacht.

Steffi Graff

Similar Posts

Leave a reply

required*