Sportliche Höchstleistungen, Nervenkitzel pur, überraschende Wendungen und eine großartige Bilanz für den deutschen Hallenradsport. Die UCI Hallenrad-Weltmeisterschaft in der St. Jakobs Halle in Basel bot Sportlern, Fans und Gästen drei hochemotionale und spektakuläre Wettkampftage.

Das deutsche Team war fest auf Edelmetall gebucht und konnte den hohen Erwartungen mehr als gerecht werden: Viermal Gold und sechsmal Silber. Kein Teilnehmer aus Deutschland ist ohne Medaille geblieben. Aus Sicht des RKB Solidarität ist der erneute Weltmeistertitel für Milena Slupina, deren Heimatverein der TSV Bernlohe ist, das absolute Highlight des zu Ende gehenden Sportjahres.

Nach 2017 hat Milena Slupina zum zweiten Mal den Weltmeistertitel errungen und damit ihrer deutschen Mannschaftskollegin Viola Brand wieder den Weg zum langersehnten Titel versperrt. Durch die ganze Saison hatte sich das Battle der beiden hochfavorisierten Frauen gezogen. Bei den Titeln hatte Slupina jedesmal auf den Punkt die Nase vorn. Deutsche Meisterin, Weltcup-Gesamtsiegerin, Weltmeisterin, ein neuer Weltrekord. Mehr Meriten gibt es in diesem Sport nicht zu gewinnen.

In Basel haben es die Frauen noch einmal extrem spannend gemacht. In der Vorrunde hatten alle Probleme, sodass am Ende ganz unverhofft die Österreicherin Lorena Schneider als Beste von der Fläche ging. Am härtesten traf es Milena Slupina, deren von der Saison ausgelaugter Körper einfach nicht mitspielen wollte. Mit völlig leeren Akkus war sie schon in Basel angekommen. Am Donnerstag und Freitag war kein reguläres Training möglich. Besser gar nicht aufs Rad und die Kräfte schonen. Mit einem schlechten Gefühl, aber einem großen Kämpferherz schleppte sie sich schließlich durch das Programm und sicherte sich den Einzug ins Finale als Vorrunden-Dritte.

Wenige Stunden später hatte sie es mit eisernem Willen irgendwie geschafft, die allerletzten Kraftreserven so zusammenzukratzen, dass sie eine Finalfahrt hinlegen konnte, der es an nichts fehlte. Auch Viola Brand hatte sich im Vergleich zum Vormittag steigern können. Die von ihr vorgelegten 185,14 Punkte überbot Milena Slupina als letzte Starterin dann doch noch mit 189,73 Zählern. Eine Demonstration mentaler und körperlicher Stärke, ein hochemotionaler Augenblick für die Ausnahmesportlerin und die vielen Fans in der Halle. „Unglaublich schwer“ sei das gewesen, sagte sie später den Journalisten. Und dass sie sehr sehr glücklich sei, dass es so ausgegangen ist.

Der deutsche Kunstrad-Vierer hatte am Freitag auch Gold im Blick und musste dann aber mit Silber zufrieden sein. Nora Erbenich, Sabrina Born, Annika Furch und Hannah Rohrwick vom VfH Worms zeigten Nerven und zu viele Fehler, um die Schweizerinnen schlagen zu können.

Höchstspannung gab es im Finale der 2er offene Klasse. Die Brüder Bugner zauberten eine makellose Kür auf die Fläche und genossen strahlend den Jubel über diesen gelungenen WM-Auftritt nach einem so schwierigen Verletzungs-Jahr. Minuten später hätte man in der Halle den Fall einer Nadel hören können, als Serafin Schefold und Max Hanselmann mit einer Bilderbuch-Leistung das Ergebnis noch einmal überboten und den Weltmeistertitel hochverdient gewannen. Was für ein Moment, als André und Benedikt Bugner anschließend ihren Rücktritt vom aktiven Sport verkündeten und auf der Fläche von der ganzen Nationalmannschaft und den Zuschauern in der Halle gefeiert wurden!

Auch im 2er Frauen machten die deutschen Teilnehmerinnen die Sache im Finale am Sonntag unter sich aus. Ein Freuden-Juchzer beendete die gelungene Kür von Lisa und Lena Bringsken. Und wie schon im letzten Jahr konnte das durch die Saison stärkste deutsche Paar Caroline Wurth und Sophie-Marie Nattmann Spannung und Vorsprung nicht ganz bis zum Ende der Kür durchhalten und musste den Titel wieder unter Tränen den Mannschaftskolleginnen überlassen.

Den dramaturgischen Höhepunkt der Kunstrad-Wettbewerbe setzte am Sonntag das Finale der Männer. Niemand hatte ernsthafte Zweifel, dass der in diesem Jahr komplett ungeschlagene Lukas Kohl sich auch den vierten Weltmeistertitel in Folge holen würde, aber alle freuten sich auf diesen Auftritt, diese perfekte Demonstration des scheinbar Unmöglichen. Mit 208,89 Punkten machte Kohl sein persönliches WM-Titel Quartett komplett. Davor bekam das Publikum aber noch einen Marcel Jüngling zu sehen, der die Gunst der Stunde nützte und seine WM-Premiere mit einem mustergültigen Auftritt zu einem ganz großen Moment seiner sportlichen Karriere werden ließ.

Das abschließende Radball-Finale endete mit einer unerwarteten 8:6 Niederlage des deutschen Teams Gerhard und Bernd Mlady gegen die österreichische Mannschaft. Nach einer großartigen Turnierleistung verschluderten die Steiner ausgerechnet die ersten Halbzeit des Finales. In der zweiten Hälfte des Spiels gaben sie dann zwar nochmal Gas, konnten den Österreichern Gold aber mehr abnehmen.  Text: Steffi Graff

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