Anlass war eine hölzerne Ankündigungstafel der Ortsgruppe Kreuzberg des damaligen Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbundes (ARKB) „Solidarität“, die sich in den Beständen des Museums befindet. Ziel der Anfrage war, Herkunft, Datierung und historischen Kontext des Objekts zu klären.
Vom Fahrrad aufs Motorrad
Das Deutsche Technikmuseum Berlin hatte die Tafel 1989 von einem privaten Sammler aus Niedersachsen erworben. Dieser datierte das Objekt auf „nach 1928“. Diese Einschätzung bezog sich plausibel auf die Umbenennung des Verbandes: Aus dem Arbeiter-Radfahrerbund (ARB) war 1928 der Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund (ARKB) Solidarität geworden. Hintergrund war die wachsende Bedeutung des Motorsports. In den 1920er-Jahren konnten sich Arbeiter – nach dem Fahrrad – zunehmend auch Motorräder leisten, was sich direkt in Angeboten, Strukturen und Selbstverständnis des Verbandes widerspiegelte. Heute spielt der Motorsport im RKB kaum noch eine Rolle, ist aber Teil der historischen Entwicklung.
Geraubt von den Nationalsozialisten?
Über frühere Eigentümer oder den genauen Entstehungskontext der Tafel lagen keine gesicherten Informationen vor. Für die Provenienzforschung war daher insbesondere relevant, ob das Objekt bereits vor 1933 hergestellt worden sein könnte und ob es dem Verband im Zuge des Verbots durch die Nationalsozialisten entzogen wurde.
Die Tafel wirkt insgesamt wie eine handwerkliche Einzelanfertigung. Auffällig ist eine aufgebrachte Metallplakette mit dem ARKB-Logo. Diese ist kein Einzelstück: Identische Exemplare werden regelmäßig auf Auktionen angeboten – und eines hängt an einer Theke, die bis heute regelmäßig auf dem Jugendlager der Solijugend genutzt wird. Dass diese Plaketten in größerer Stückzahl existieren, stützt die Einschätzung, dass die vorliegende Tafel eine selbstgefertigte Arbeit ist, bei der eine Plakette „zweckentfremdet“ wurde.
Das Technikmuseum recherchierte auch in Berliner Adress- und Telefonbüchern sowie in der Wiedergutmachungsdatenbank des Landesarchivs Berlin. Dabei fanden sich zwar Unterlagen zu Entschädigungsverfahren unseres Verbandes nach 1945, jedoch keine belastbaren Belege, die sich eindeutig auf die Ortsgruppe Kreuzberg oder gar auf dieses konkrete Objekt beziehen ließen.
FTIR-Analyse bringt Klarheit
Eine entscheidende Erkenntnis brachte Ende 2025 schließlich die restauratorische Untersuchung. Mittels einer FTIR-Analyse – einem Verfahren, bei dem anhand der Infrarot-Spektren die chemische Zusammensetzung von Materialien bestimmt wird – wurden die verwendeten Lacke untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass es sich um Alkydharzlacke handelt, die erst gegen Ende der 1930er-Jahre verfügbar waren und vor allem in den 1950er-Jahren im Bau- und Heimwerkerbereich Verbreitung fanden. Eine exakte Datierung war zwar nicht möglich, dennoch ist anzunehmen, dass die Tafel nach 1945 angefertigt wurde – unter Verwendung einer älteren Metallplakette.
Vor diesem Hintergrund kam das Museum zu dem Schluss, dass kein NS-verfolgungsbedingter Verlust vorliegt. Da die Herstellung der Tafel offenbar durch eine Ortsgruppe des Verbandes selbst erfolgte, wurden die Provenienzrecherchen abgeschlossen. Ausgestellt ist die Tafel derzeit übrigens nicht – sie befindet sich bis auf Weiteres im Depot.
Warum Provenienzforschung wichtig ist
Der Vorgang zeigt exemplarisch, wie wichtig die Provenienzforschung in Museen ist – auch dann, wenn nicht alle Detailfragen abschließend geklärt werden können oder es sich nur um ein kleines Schild handelt. Provenienzforschung ist unerlässlich, um Raubgut zu identifizieren, historisches Unrecht sichtbar zu machen und Sammlungen auf einer transparenten und verantwortungsvollen Grundlage zu führen.
Foto: © Stiftung Deutsches Technikmuseum




